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Seelenverwandt (PG) de Print

Written by Dunderklumpen

29 July 2008 | 4908 words

Titel: “Seelenverwandt”
Autor: Dunderklumpen
Fandom: Lord of the Rings
Pairing: Faramir, Haldir (Friendship)
Genre: AU, Friendship
Rating: PG
Word Count: 4.801 Wörter.
Zusammenfassung: Als sich Faramir und Haldir in Lórien begegnen, erkennen sich ihre Seelen.
Zeitlich spielt es vor dem Herrn der Ringe, als Faramir noch verhältnismäßig jung und teilweise recht naiv ist. Übersetzungen der verwendeten Sindarin-Begriffe befinden sich am Ende der Seite. Ein lieber Dank an meine Beta Agadinmar, die sich durch meine Fehler gekämpft und sie verbessert hat.


“Seelenverwandt”

Lachend hob er den Pfeil auf und wog ihn einen Moment in der Hand. Dann postierte er sich und nahm den Bogen von der Schulter. Er atmete einmal tief ein und legte an. Konzentration stand ihm ins Gesicht geschrieben und sein Blick folgte der Verlängerung seines Armes. Für wenige Sekunden war er nicht mehr in Mittelerde, sondern in seiner eigenen Welt. Er hatte Freude daran. Freude das Gewicht des Pfeils in seiner Hand zu fühlen, die Sehnen des Bogens zum Bersten gespannt, während er das Ziel anvisierte. Die absolute Konzentration auf den einen Punkt, an dem die Spitze auftreffen würde. Er liebte das Sirren des Pfeils, wenn er durch die Luft flog und den dumpfen Laut, wenn er traf.
Sein Herz schlug ruhig und regelmäßig, sein Atem ging leise. Der Wind raschelte in den Blättern und die Sonne schien ihm warm in den Rücken. Es existierten nur noch er, der Pfeil und das Ziel. Der schwarze Punkt füllte seine Sicht vollkommen aus, als er die Spannung auf den Muskeln spürte. Genau in dem einen Moment, in dem er das Gefühl hatte, eins zu sein mit sich und seiner Umwelt, ließ er los.


Es war nicht so, dass er die Zukunft voraussagen konnte oder genau wusste, was passieren würde. Es war eher eine Art Instinkt, ein Teil seines Unterbewusstseins, der spürte, wenn Gefahr lauerte. Das machte ihn auch so gut als Waldläufer. Er hatte eine Art siebten Sinn, der ihn in der Not noch nie im Stich gelassen hatte. Und dann gab es da die andere Seite der Medaille. Die Bilder, die sich anschlichen, wenn es dunkel wurde und ihn nachts in seine Träume verfolgten, wenn er schlief. Manchmal waren es flüchtige Eindrücke — wie Skizzen, die ein Zeichner schnell aufs Papier geworfen hatte — einfach in schwarz, weiß und grau. Dann wieder sah er Dinge, die einem Gemälde glichen. Ausgearbeitet bis ins kleinste Detail — farbenfroh und mannigfaltig. Sehr selten waren es ganze Handlungen, die er erblickte. Wie ein Film liefen sie vor seinem inneren Auge ab, so als ob er daneben stünde. Doch er war unfähig, etwas zu tun, unfähig einzugreifen, um das Geschehen zu verändern. Verdammt dazu ein hilfloser Zeuge zu sein und zu beobachten, aber nicht zu handeln. Dies waren die Träume, die ihn am meisten quälten.
Er wusste, dass das Blut Númenors stark in seinen Adern floss und die Kraft des zweiten Gesichts ein Geschenk war. Doch es gab Tage, da lastete es schwer auf seinen Schultern.


Lórien war ein Wunder. Es schien als existiere an diesem Ort nichts Negatives, als gäbe es weder Zeit noch Raum. Es war ein Platz, der Faramir willkommen geheißen und den er in sein Herz geschlossen hatte, sobald er es erblickte hatte. Hohe, alte Bäume, ein stetiges Flirren von Silber, Licht und Schatten, ein uraltes Säuseln, dessen Melodie sich in die Seelen derer stahl, die bereit waren zuzuhören. Es war ein Ort, den Magie durchdrang und an dem er sich seltsam beschützt und zufrieden fühlte. Zuerst war er nervös gewesen, als sein Vater ihn nach Lórien geschickt hatte, um die alljährliche Bestätigung des Allianzvertrages zwischen ihren beiden Reichen zu überbringen. Er wusste, dass es eine Strafe dafür sein sollte, dass er nicht in der Lage war, die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Normalerweise wurde eine kleine Truppe Reiter geschickt. Diesmal jedoch hatte Denethor darauf bestanden, dass Faramir die lange und beschwerliche Reise selbst auf sich nahm. Hätte er gewusst, dass er damit den sehnlichsten Wunsch seines zweiten Sohnes erfüllte, endlich Elben kennenzulernen, hätte er mit Sicherheit darauf verzichtet.


Er war der erste Elb, den er sah. Behände stand er vor ihm, den Bogen über der Schulter, die graue Kleidung eng an seinem Körper. Sie ließ ihn mit seiner Umgebung verschmelzen, so dass sein Auftauchen selbst für ihn, der er bereits in jungen Jahren ein erfahrener Waldläufer war, nicht auffiel bis er direkt vor ihm stand. Pure Freude durchfuhr ihn, als er den Elb sah und zugleich war er überwältigt von dessen Schönheit. Er hatte viel über das Volk der Erstgeborenen gelesen, hatte Geschichten gehört und Bilder gesehen, aber nichts kam diesem Anblick von graziler Eleganz und gleichzeitig gespannter Stärke gleich. Seine Haut war hell und ebenmäßig, seine Augen ein so eisig tiefes Blau, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Schwer und voll fielen blonde Haare über seine Schultern und eine Art Leuchten schien von seiner Gestalt auszugehen. Der Fremde stand vor ihm und schenkte ihm ein Lächeln, das Faramir in seinem Innern traf.

“Seid gegrüßt, Reisende. Ihr habt soeben die Grenzen Lóriens überschritten”, als Haldir die Männer begrüßte, klang seine Stimme fest und süß zugleich.

Faramir musste schlucken, bevor er die richtigen Worte fand: “Mae govannen.1 Mein Name ist Faramir, Bote von Denethor aus Gondor. Wir sind auf dem Weg zu Lord Celeborn.”

“Mein Name ist Haldir”, erwiderte der Elb immer noch freundlich. Falls es ihn beeindruckte, dass Faramir Sindarin sprach, ließ er es sich nicht anmerken. Doch als er die fragenden Gesichter in der Begleitung des Mannes sah, wechselte er zur Sprache Gondors.

“Ich bin der Grenzwächter von Lórien und wir haben euch bereits erwartet. Lord Celeborn hat mich angewiesen, euch zu den Gästequartieren zu geleiten. Heute Abend wird er euch gerne empfangen und alles Notwendige besprechen.”

Faramir nickte, und zog sein Pferd sachte am Zügel. Dieses verstand sofort und setzte sich in Bewegung, um seinem Herrn und dem blonden Elb zu folgen. Liebevoll tätschelte Faramir die Nüstern seines treuen Freundes, der daraufhin kurz und laut schnaubte.


Stumm schritten sie durch den Wald. Faramir war überwältigt von dem Anblick. Je tiefer sie ins Herz dieses Landes eindrangen, desto schöner schien es zu werden. Die Bäume wurden größer und älter und bei genauem Hinsehen stellte er Behausungen fest, die in den Kronen wurzelten.

Haldir beobachtete den dunkelhaarigen Mann neben sich. Er war jung, selbst für einen Menschen. Sein kupferfarbenes Haar glänzte in der Sonne und seine edlen Züge verrieten, dass das Blut Númenors immer noch in den Adern der Menschen floss. Haldir wusste nicht weshalb, aber er mochte diesen Mann, der so beeindruckt und zugleich so voller Vorfreude zu sein schien. Es war, als ginge ein Kind neben ihm, das endlich bekam, nach was es sich sehnte und versuchte, dies mit allen Sinnen zu erfassen.

“Ist es das erste Mal, dass ihr Elben trefft, Faramir”, fragte Haldir und seiner Stimme war ein gewisses Amüsement anzuhören.

Der junge Waldläufer fühlte sich ertappt und Röte schoss ihm in die Wangen. “Verzeiht meine Unaufmerksamkeit, Haldir. Ich wollte keinesfalls unhöflich sein. Aber…”, und bei diesen Worten drehte er sich zu ihm und sah ihm in die Augen, “…mein Leben lang, wollte ich Elben einmal wahrhaft erleben. Sehen, was ich nur aus Büchern und Erzählungen kannte. Und jetzt, wo es soweit ist, fühle ich mich überwältigt.” Er seufzte leise und blieb stehen. Sein Blick schweifte erneut über die Umgebung und blieb auf Haldir liegen. “Es ist so wunderschön.”

Wieder begegnete Faramir ein verständiges Lächeln. “Es ist für Fremde ungewohnt. Und doch kann ich nicht umhin, mich zu freuen, dass ihr es zu schätzen wisst, Faramir von Gondor.” Langsam schritten sie weiter bis sie bei den Gästequartieren angelangt waren, die ebenfalls über dem Boden in den Baumwipfeln trohnten. Haldir wies den Männern ihre Räume zu, in denen bereits Essen, Waschzeug und frische Kleidung zum Wechseln bereit lag.

“Wenn ihr weitere Wünsche habt, ein Bad oder zusätzliche Verpflegung, dann lasst es mich wissen.” Dies gesagt erschienen weitere Elben, um sich um die ebenfalls müden Tiere zu kümmern und den Männern die Zügel abzunehmen, nachdem sie ihr Gepäck abgeschnallt hatten.

“Ich…”, begann Faramir, aber brach sofort ab, so als hätte er es sich anders überlegt. Gedankenverloren schaute er seinen Männern nach, die die Stiegen erklommen und schüttelte den Kopf.

Der blonde Elb musterte Faramir neugierig. “Scheut euch nicht zu fragen, was immer ihr wollt. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich eure Bitte ablehnen muss.”

Wieder trafen sich ihre Blicke und graue Seen ergossen sich in blaue. “Ich würde gerne die Bibliothek besuchen, wenn es möglich ist”, sagte Faramir unsicher und ein inneres Leuchten erfüllte plötzlich die menschlichen Züge, “ich habe soviel davon gehört und darüber gelesen und es wäre mein innigster Wunsch, sie einmal zu sehen.” Betreten schaute er nach unten, nicht sicher darüber, wie unverschämt diese Forderung war.

Haldir grinste. “Das kann arrangiert werden, Faramir. Ich bin sicher, Dranduriel würde sich freuen, euch die Bibliothek zeigen zu dürfen.”

Faramir sah auf und entdeckte das Grinsen auf dem Gesicht des Elbs, das so gar nicht zu seiner Vorstellung dieser lichtgleichen Wesen passte. Doch er grinste zurück und nickte zum Abschied. “Vielen Dank, Haldir. Ihr wisst gar nicht, wie glücklich mich das macht.” Damit drehte er sich um, um ebenfalls die Stufen zu seinem Quartier zu erklimmen. Er war sich nicht darüber bewusst, dass Haldirs Blick auf ihm ruhte bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Amüsiert über den Wissensdurst und die gleichzeitige Scheue Faramirs gab Haldir letzte Anweisungen an seine Brüder und ging weiter, um Lord Celeborn das Eintreffen der Fremden zu berichten. Dass er dabei immer noch die Augen Faramirs im Gedächtnis hatte, die ihn voller Wärme und Freude anstrahlten, war etwas, dass ihn verwunderte.


Seit dieser ersten Begegnung waren Tage vergangen. Faramir hatte sich mit Lord Celeborn getroffen und die Bestätigung der Allianz beider Länder offiziell überbracht. Zur Erneuerung der alten Brüderschaft sollte in Kürze ein Fest stattfinden und sie waren gebeten worden, als Gäste beizuwohnen. Dieser Bitte war Faramir gerne nachgekommen. Immer noch faszinierte ihn, was er hier jeden Tag sah. Es war nicht nur die atemberaubende Natur, er genoss auch die Gesellschaft der Elben, im speziellen die von Haldir, denn dieser war von Celeborn zum Verantwortlichen für die Gäste ernannt worden und somit bemüht, ihnen alles zu zeigen und zu erklären. Hatten Faramirs Männer sich zu Anfang noch dafür interessiert, waren sie seit ein paar Tagen damit beschäftigt, den Waffenschmieden über die Schulter zu sehen und das Geheimnis elbischer Waffenkunst zu erforschen. Faramir schmunzelte. Er hatte ganz andere Interessen und verbrachte die Vormittage stundenlang bei seinen geliebten Büchern. In Dranduriel hatte er einen Verbündeten gefunden, der seine Liebe und Leidenschaft mit ebenso großem Enthusiasmus teilte. Doch der Bibliothekar wusste zugleich, dass es nicht gut war, nur in Büchern zu schmökern — und so vertrieb er den jungen Sohn Gondors regelmäßig mit aufgesetzt ernster Miene aus der Bibliothek. Dadurch hatte sich eine Routine etabliert, die dazu führte, dass Faramir sich zum gemeinsamen Mittagsmahl im Anschluss an den Vormittag mit Haldir traf. Aus höflichem Erklären waren lange Spaziergänge durch Lórien geworden, bei denen die so unterschiedlichen Männer feststellten, dass sie genau das nicht waren. Sie teilten so viele Interessen, fanden Gefallen an Kunst und Musik, verglichen ihre Fähigkeiten mit Schert und Bogen und selbst die Wälder Lóriens lasen sie beide mit wohl geschulten Augen. Sie hatten ähnliche Erfahrungen und es erstaunte Haldir immer wieder, über welche Kenntnisse Faramir doch für sein Alter verfügte und wie viel er schon erlebt zu haben schien. Faramir hingegen zeigte eine unstillbare Wissbegierde, fragte nach der Sprache der Elben, ihren Traditionen, nach Literatur und Gesängen. Er wollte alles wissen und der Elb bemühte sich nach Kräften, alle Fragen zur besten Zufriedenheit zu beantworten. Neugier war eine Eigenschaft, die Elben hoch schätzten. Sie war der Schlüssel zu Wissen. Und Wissen war etwas, von dem man in einem Leben, sei es unendlich oder begrenzt, niemals genug haben konnte. Auf diese Weise war Faramir den Elben ähnlicher, als er wusste und es etablierte sich eine Freundschaft in dieser kurzen Zeit zwischen den beiden Männern, die sich mochten.
Die Anderen sahen dies mit Staunen. Haldir war jemand, der hart und stolz war. Er hatte seine Männer im Griff, niemals ungerecht, aber immer streng und unnahbar kühl. Dass ausgerechnet er die Aufgabe bekommen hatte, sich um die Neuankömmlinge zu kümmern, hatte sie amüsiert, doch nachdem sie gesehen hatten, wie gelöst, wie freundschaftlich intim die beiden Männer miteinander umgingen, waren sie anderer Meinung. Plötzlich erblickten sie einen Haldir, wie sie ihn nicht kannten. Nur wenige neben seinen Brüdern wussten um diese Seite des Anführers und dass Mensch und Elb solch schnelle innige Bande knüpften, konnte nur eines bedeuten: Ihre Seelen erkannten einander.


Bei den Elben gibt es eine Legende. Es heißt, dass vor unendlichen Zeiten, als die Menschen jung waren, ein Mann fühlte, dass ihm etwas fehlte. Er sah die Elben und hörte ihre Gesänge und ein jedes Mal wurde ihm schmerzlich bewusst, dass er nicht so war wie sie. Sein Leben war begrenzt und er hatte keine Ewigkeit, um zu lernen, zu lieben, zu erfahren. Er fühlte sich leer und ging los, um diese Leere zu füllen. Seine Reisen führten ihn durch Mittelerde. Er sah viele Wunder und viele Grausamkeiten, aber keine dieser Erfahrungen konnte sein Verlangen stillen. Er begegnete Menschen und Elben und merkte, dass es nur wenige gab wie ihn. Die meisten Menschen waren zufrieden mit ihrem Leben, die meisten Elben wussten nicht, was er meinte. Sie waren hilfsbereit und verständnisvoll, aber auch sie konnten ihm nicht helfen. Der Mensch wurde älter. Zeit fraß sich in seine Züge und er merkte, dass sein Leben dem Ende entgegen ging. Entmutigt folgte er unbekannten Pfaden und erstieg das Gebirge. Hoch hinaus ging er, bis er nicht mehr konnte. Als er ankam, war er alt und legte sich hin, um zu sterben. Unter dem blauen Nachthimmel lag er und seine weisen Augen erblickten die Sterne, die aufzublitzen begannen. Sie waren helle Punkte, die im Dunkeln einen geheimnisvollen Pfad erleuchteten. Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, fiel ein Stern vom Himmel und zog einen hellen Schweif hinter sich her. Er zerbarst in kleine Teile und einer davon traf den alten Mann auf dem hohen Berg mitten ins Herz. Plötzlich fühlte er, was er sein Leben lang gesucht hatte, seine Seele war endlich komplett und er konnte erleichtert sterben. Der Tod nahm ihn auf wie einen guten Freund und mit ihm auch den Stern, der ihm endlich das gegeben hatte, was sonst niemand auf Erden hatte tun können. Seitdem heißt es, dass manche Lebewesen, egal ob Mensch, Elb, Zwerg oder Hobbit, Teile von Sternen in sich tragen, die bei ihrer Geburt vom Himmel gefallen und in kleine Stücke zerbrochen sind. Selten nur finden sich diejenigen, die einen ebensolchen Stern in sich tragen, aber wenn sie es tun, dann erkennen sich ihre Seelen.


Die Sonne strahlte vom Himmel. Es war ein lieblicher Tag voller Vogelgezwitscher und flüsternder Fröhlichkeit. Haldir und Faramir standen auf dem Trainingsfeld, ihre Bögen in der Hand. Faramir hatte dem Elb von seiner Leidenschaft fürs Bogenschießen erzählt. Seit frühester Kindheit übte er sich in dieser Kunst, die ihm Freude bereitetet wie sonst nur wenige Pflichten eines Waldläufers. So hatte Haldir vorgeschlagen, dass sie aufs Trainingsfeld gehen könnten, um ein paar Pfeile zu schießen. Als Grenzwächter gehörten Pfeil und Bogen zu seinem täglichen Handwerkszeug und Faramir war begierig darauf, von dem Elben zu lernen, dem, ebenso wie seinen Brüdern, ungewöhnliche Fähigkeiten mit dieser Waffe nachgesagt wurde.
Als sie zusammen auf dem Platz standen und sich konzentrierten, bewunderte der junge Waldläufer Haldirs Zielgenauigkeit, die Leichtigkeit, mit der er anlegte und den Pfeil durch die Luft sirren ließ, um mitten ins Schwarze zu treffen. Doch auch Haldir war beeindruckt. Noch nie hatte er einen Menschen gesehen, der so gut mit dieser Waffe umgehen konnte. Faramir war jung und er musste noch vieles lernen, aber das Beherrschen von Pfeil und Bogen gehörte nicht dazu. Darin war er bereits ein Meister, dem ein gottgegebenes Talent in die Wiege gelegt worden zu sein schien. Er war besser als viele Elben und Haldir war sich sicher, dass er auch unter seinesgleichen Ebenbürtige suchte.

“Du bist ein Meister mit Pfeil und Bogen”, kam es ihm über die Lippen und er beobachtete amüsiert, wie der junge Mann errötete.

“Das ist nichts. Es gibt viele, die genauso gut sind wie ich”, erwiderte er bescheiden.

Haldir schüttelte den Kopf. “Wie viele andere in Gondor gibt es, die sich mit deinen Fähigkeiten messen können, Faramir?”, fragte er direkt.

Der Waldläufer konnte ihm kaum in die Augen schauen, als er antwortete: “Keine.” Der Elb nickte, als hätte er diese Antwort erwartet.

“Du besitzt eine Fertigkeit mit Pfeil und Bogen, um die dich viele Elben beneiden würden.”

Der junge Mann errötete noch mehr. Haldir schmunzelte. Früh hatte er in ihren Gesprächen gelernt, dass Faramir schlecht Komplimente annehmen konnte. Immer suchte er eine Ausrede, machte er sich kleiner, als er tatsächlich war. Sein Selbstbewusstsein kauerte verborgen in seinem Innern, und nachdem er ein wenig über Faramir und dessen Leben in Gondor gehört hatte, konnte er sich denken, weshalb. Natürlich hatte der Waldläufer nie etwas Negatives über Minas Tirith und seine Familie gesagt, aber aus dem wenigen, was er erzählte, hörte Haldir heraus, dass Faramir es mit Denethor schwerer hatte, als ein Kind es mit seinem Vater jemals haben sollte.
Der Elb merkte deutlich, dass die Stimmung kippte und legte einen Pfeil auf die Sehne.

“Natürlich bist du gut”, sagte er, “aber das heißt nicht, dass ich mich so einfach überflügeln lasse.” Mit diesen Worten grinste er und ließ den Pfeil fliegen. Dieser traf in die Mitte der Scheibe und blieb zitternd stecken.

Faramir sah Haldir einen Moment an, unsicher, wie ernst dieser es meinte. Dann grinste er ebenfalls. “Oh, da hat wohl einer Lust auf einen kleinen Zweikampf. Na gut, mein Freund, Mensch gegen Elb — wir werden ja sehen, wer gewinnt.” Lächelnd zog er einen Pfeil aus dem Köcher und legte an, nur um direkt neben Haldirs Pfeil zu treffen. — Der Wettkampf konnte beginnen.

Die Sonne kroch höher und die Stimmung der beiden Freunde war gelöst. Sie schossen ihre Pfeile, unterhielten sich und lachten. Faramir spürte eine Kameradschaft zwischen ihnen, die der mit seinem Bruder sehr nahe kam. Zugleich jedoch war sie anders, lag unter der freundschaftlichen Oberfläche etwas Tieferes verborgen, das er nicht zu fassen wusste.

Der letzte Pfeil traf mit Schwung ins Schwarze und die beiden Kontrahenten sahen sich an.

“Unentschieden”, stellte Haldir fest und klopfte Faramir auf die Schulter. Dessen Lächeln gefror auf seinen Lippen, als die schmalen Finger ihn berührten.


Er war in einer Schlacht. Um ihn herum tobte ein Krieg von Menschen gegen Orks. Blut spritzte und Schwerter schnitten in Fleisch. Er sah, wie Pfeile Hälse durchbohrten und Streitäxte Schädel spalteten. Leichen pflasterten die Erde, die rot getränkt war und mitten drin sah er ihn. Sein Haar ruhte immer noch golden auf seinen Schultern, ein purpurner Mantel als Erkennungszeichen des Anführers flatterte im Kampf, in dem er einen Ork nach dem anderen erschlug. Seine Bewegungen waren geschmeidig und effektiv. Jeder Schlag traf sein Ziel und er war gefangen im eigenen Überleben. Faramir schaute sich um und entdeckte das Wappen Rohans auf der Mauer. Er stand mitten unter den Kämpfenden und verdammt zur Untätigkeit sah er, wie die Heerscharen zurückbeordert wurden, wie in Sindarin und Westron der Befehl weitergetragen wurde, in die Burg zurückzukehren. Ein dunkelhaariger Krieger rief den Elb, doch es war zu spät. Faramir konnte nichts anderes tun, als zuzusehen, wie die Klinge sich in Haldirs Brust bohrte und die Axt ihn in den Rücken traf. Er spürte Schmerz und Trauer und erkannte, wie das Leben in den blauen Augen erlosch. Der dunkelhaarige Krieger hielt den sterbenden Haldir in seinen Armen und flüsterte etwas, dass Faramir nicht hören konnte. Er stand da und wollte schreien, wollte eingreifen und es verhindern, aber er wusste, dass er das nicht konnte. Er war geschlagen mit der Gabe des Sehens, mit der Hilflosigkeit des Beobachters, dessen Herz am Gesehenen zerbrach.


Verstört blinzelt er ins helle Tageslicht und fühlte sanfte Hände auf seinen Schultern.

“Alles in Ordnung, Faramir? Du schienst einen Moment sehr weit weg zu sein.”

Faramirs Augen waren weit, als er dem Elben ins Gesicht sah. Starre Züge eines Leichnams legten sich über das lächelnde Gesicht Haldirs — und es war zuviel.

Faramir stolperte einen Schritt zurück und löste sich von den Händen, die noch immer auf ihm ruhten.

“Verzeih, Haldir, aber ich…”

Seine Stimme kippte und ohne den Satz zu beenden ergriff er seinen Bogen und rannte los. Rannte durch die Wälder Lóriens, blind für die Schönheit um ihn herum. Er rannte und rannte bis seine Lungen schmerzten und er das Gefühl hatte, er würde ersticken. Erst dann ließ er sich auf die Knie fallen und starrte in das Wasser des Sees, an dessen Ufern er gestoppt hatte. Luft pumpte in seine Lungen und die vorübergehende Schwärze lichtete sich. Als er aufsah, war er nicht mehr allein. Vor ihm stand Lady Galadriel, die ihn ernst und wissend anblickte.

“Du brauchst keine Angst zu haben, Faramir”, erklang ihre glockenhelle Stimme. “Sehen heißt nicht Wissen.”

Er starrte sie fassungslos an, die Panik immer noch in seinem Herzen. Er kämpfte mit sich und dem Tumult, der sich in seinem Inneren abspielte.

“Alles, was ich je gesehen habe, ist wahr geworden”, erwiderte er immer noch atemlos.

“Doch liegt zwischen Morgen und Heute so vieles, was wir nicht wissen, was wir nicht beeinflussen können. Was du siehst, elvellon,2 ist eine Zukunft, wie sie sein kann, nicht, wie sie sein muss.”

“Aber…”

“Es gibt kein ‘aber’. Du kannst die Gegenwart nicht leben, wenn du Angst hast vor der Zukunft. Wenn du feststellst, dass der Morgen, wie du ihn erwartest, niemals anbricht, dann hast du dein Leben verschwendet, fair.”3 Ihre Stimme klang immer noch sanft, wie eine Mutter, die ihr uneinsichtiges Kind belehrt.

“Ich kann es nicht einfach ignorieren. Muss ich nicht alles tun, um es zu verhindern?”

“Was kannst du tun, um es zu verhindern? Bedenke, vielleicht sind gerade die Taten, die noch nicht geschehen sind, der Schlüssel zu der Zukunft, die du erblickt hast. Auch wir Elben wissen nicht um die Zukunft. Einige von uns haben die Gabe zu sehen, doch was wir erblicken ist immer nur ein Teil des Ganzen, eine Möglichkeit von Tausenden. Mit der Zeit, mein junger Freund”, fuhr sie fort und berührte mit ihren kühlen Fingerspitzen Faramirs Stirn, “können wir erahnen, welche Möglichkeit vielleicht wahr werden könnte, doch auch wir sind nicht allwissend.”

Ruhe überkam ihn und ein Frieden, den er lange nicht mehr gespürt hatte. Galadriels Berührung bändigte seine Furcht und stillte seinen inneren Aufruhr.

“Die Gabe des Sehens ist ein Geschenk und keine Bürde. Das Blut Númenors pulsiert stark durch deine Adern und es hat seinen Sinn, warum gerade du es besitzt. Verzweifle nicht daran, sondern empfange es mit offenen Armen. Aber sei dir bewusst, Faramir von Gondor, dass das, was du siehst, nicht unweigerlich das sein muss, was geschieht, denn die Wege der Götter kann kein Lebewesen erkennen.”

Faramir kniete noch immer am Wasser und eine plötzliche Müdigkeit erfasste ihn. Körperliche Erschöpfung breitete sich aus und er fühlte, wie der dunkle Abgrund des Schlafes ihn zu umfangen drohte.

“Wehre dich nicht, mein Freund”, Galadriel beugte sich zu ihm und ihre Hände berührten ihn erneut. Sie waren kühl und schmal und brachten Linderung. Kaum noch fähig sich zu rühren, bettete er den Kopf in die Hände und kämpfte nicht mehr dagegen an, als ihm die Augen zufielen und der Schlaf ihn übermannte.


Als er erwachte, war es dunkel und ein Feuer brannte neben ihm. Die Wärme strahlte in seinen Rücken und flackernder Lichtschein spielte auf seiner Kleidung. Als er sich umdrehte, bemerkte er die Decke, die jemand über ihn gebreitet hatte und die ihn vor der feuchten Nachtluft schützte.

Benommen setzte er sich auf und mit einem Mal war alles wieder da. Die Bilder der Schlacht, der rote Umhang, das Blut und die Schreie, ein sterbender Haldir und Galadriel — sanft und beruhigend mit der Weisheit von Jahrhunderten.

“Faramir?”

Jemand sagte seinen Namen und er drehte sich in die Richtung der Stimme. Es war Haldir, der mit ihm am Feuer saß und ihn ernst und neugierig zugleich anschaute.

“Wie hast du mich gefunden?”, fragte er immer noch verwirrt.

“Nachdem du weggelaufen warst, rannte ich hinter dir her, aber Lady Galadriel hielt mich davon ab, dir zu folgen. Sie sagte, dass du Ruhe bräuchtest und ich alles später erfahre. Also ging ich zurück zum Trainingsfeld, um Pfeil und Bogen einzusammeln, als ich mehr spürte als hörte, dass sie mich rief. Sie sagte, dass ich zum See hinab kommen sollte, wo ich dich finden würde. Als ich hier ankam lagst du da und schliefst. Ich hatte nicht das Herz, dich zu wecken, denn es schien als ob du den Schlaf dringend bräuchtest. Also habe ich ein Feuer gemacht und gewartet”, endete Haldir seine Erklärung.

Faramir rappelte sich auf und zog den Umhang enger um seine Schultern. “Danke”; erwiderte er leise.

Haldir lächelte. “Hast du Hunger?”, fragte er.

Der junge Mann nickte und beobachtete, wie der Elb mit den für ihn typisch fließenden Bewegungen die Stöcke mit gebratenem Fleisch ausgrub, die über dem Feuer hingen. Haldir tat keinen Handgriff zuviel, als er das Fleisch löste und auf flache Blätter gleiten ließ. Faramir sah dies alles und mit einem Mal schlugen die Bilder erneut über ihm zusammen: Die geschmeidigen Bewegungen; das Schwert, das so präzise seine Gegner tötete und die Klinge, die sich unerbittlich in Haldirs Brust bohrte. Für wenige Augenblicke war er wieder dort und hörte nur, wie ihn jemand aus weiter Ferne rief.

“Faramir?”

Haldir sah ihn an und mit einem Wimpernschlag war er wieder am See, umhüllt von dunkler Nacht und beschienen von flackerndem Feuer. Er streckte die Hände aus, um das Fleisch entgegenzunehmen und bemerkte erst jetzt, dass sie zitterten. Beschämt vergrub er die Finger im Mantelstoff und wich Haldirs Blick aus. Dieser legte das Essen zur Seite und rückte näher an ihn heran, bis er nur wenige Hand breit von ihm entfernt war. Haldir wusste zu gut, dass er den Menschen nicht drängen sollte, aber er war davon überzeugt, dass es gut tat, wenn dieser über das sprach, was ihn bedrückte.

“Was bekümmert dich?” Die Frage hing seltsam schwer in der Luft und der Waldläufer wusste, dass er um eine Antwort nicht herumkam.

“Ich sehe.”, sagte Faramir, als würde dies alles erklären.

Der Elb hatte so etwas vermutet. “Du hast die Gabe des zweiten Gesichts.” Es war eine Feststellung, keine Frage und doch nickte Faramir.

“Als wir auf dem Trainingsfeld waren und du mich berührtest, da…”, Faramir stockte und schluckte hart, “da hatte ich eine Vision. Ich habe deinen Tod gesehen.”

“Wir Elben sind unsterbliche Wesen. Kein Alter und keine Krankheit können uns unseres Lebens berauben. Die Wege, einen Elb zu töten, sind gering an Zahl und nicht vielen bekannt.”

Faramir nickte. “Es war eine Schlacht. Du wurdest von Orks erschlagen.”

Haldirs Blick traf den seinen. “Jedes Wesen in Mittelerde hat sein Schicksal, und wenn das, was du gesehen hast, mellon nin,4 das meine sein sollte, dann werde ich es willkommen heißen. Nicht mit Freude, aber mit dem Wissen, dass niemand den Pfad ändern kann, den die Götter für ihn geebnet haben.”

“Aber, wie kannst du nur so ruhig bleiben? Wie kannst du einfach alles so gelassen hinnehmen?” fuhr Faramir ihn aufgebracht an.

“Weil ich gelernt habe, dass das Wissen um das Morgen nicht das Heute ist. Man muss im Jetzt leben, Faramir, sonst sind kostbare Momente unwiederbringlich verloren.”

Erneut trafen sich ihre Blicke und der Mensch hatte das Gefühl bis in Haldirs Seele sehen zu können.

“Ich bin viele Jahrhunderte alt und glaube mir, wenn du so viel erblickt und erlebt hast, wie ich, dann wirst du verstehen.”

“Vielleicht”, gab Faramir widerwillig zu, “aber es ändert nichts daran, dass mich diese Vision verfolgt. Immer wieder sehe ich, wie du stirbst.”

“Auch das wird vergehen. Jetzt sind die Eindrücke noch frisch, aber Morgen schon werden sie verblassen. Denk an den Augenblick, Faramir. Konzentriere dich auf die Gegenwart. Jetzt, in diesem Moment sind wir nur zwei Freunde am Feuer, die”, und damit hob er die Blätter mit dem Fleisch auf und drückte sie seinem Freund in die Hand, “gemeinsam zu Abend essen.”

Ein Lächeln stahl sich auf Faramirs Lippen, der sich ein wenig besser fühlte, und Haldir lächelte zurück. “Ich bin froh, dass ich dich getroffen habe, Faramir von Gondor. Es scheint Schicksal, dass wir uns hier begegnet sind und ich fühle mich dir näher, als je einem Menschen zuvor.”

Vorsichtig balancierte Faramir das Essen auf seinen Knien. “Auch ich bin froh, dass mein Vater mich hierher geschickt hat, denn dadurch hatte ich nicht nur endlich die Gelegenheit, dein Volk kennenzulernen, sondern auch eine Freundschaft, wie ich sie nie erwartet hätte.

Sie saßen gemeinsam am Feuer unter dem dunklen Nachthimmel, über ihnen leuchteten die Sterne hell und klar und beide fühlten mit einer Sicherheit, wie es nur Gleichgesinnte konnten, wie ihre Seelen sich erkannten.


Jahre später als Faramir von Gondor die beiden Hobbits nach Osgiliath führte, um den Ring der Macht nach Minas Tirith zu bringen, erfüllte sich Haldirs Schicksal in der Schlacht von Helms Klamm. Selbst über die weite Entfernung hinweg, die sie trennte, spürte Faramir den Verlust seines Freundes, als der Sternensplitter in seiner Brust zitternd zu schmerzen begann.


1 “Mae govannen” = Seid gegrüßt.

2 “Elvellon” = Elbenfreund

3 “Fair” = Sterblicher

4 “mellon nin” = mein Freund

NB: Diese Geschichte darf auf keinen Fall (weder in der Originalfassung noch in Übersetzung) ohne Erlaubnis des Autors verbreitet (inkl. per E-mail) werden. [ Mehr Infos ]
NB: Please do not distribute (by any means, including email) or repost this story (including translations) without the author's prior permission. [ more ]

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